ICD-10 Dokumentation in der Psychotherapie: Codes, Tipps und häufige Fehler
ICD-10 Codierung richtig gemacht: Zusatzkennzeichen V, G, A, Z verstehen, endständig codieren, typische Fehler vermeiden. Praktischer Guide für Psychotherapeuten.

Lesezeit: 7 Minuten
Die Patientin sitzt Ihnen gegenüber. Panikattacken, seit drei Monaten. Dazu Schlafstörungen, sozialer Rückzug, negative Gedankenspiralen. Nach 50 Minuten ist klar: Sie braucht Unterstützung. Aber welchen ICD-10 Code tragen Sie ein? F41.0 für die Panikstörung? Oder doch F41.2, weil auch generalisierte Angst vorliegt? Und was ist mit der komorbiden depressiven Symptomatik?
Die ICD-10 Codierung gehört zu den unbeliebtesten Aufgaben in der Psychotherapie. Zu komplex, zu detailliert, zu zeitintensiv. Gleichzeitig ist sie unverzichtbar. Für Abrechnung, Dokumentation, Qualitätssicherung. Fehler können teuer werden. Sowohl finanziell als auch rechtlich.
Dieser Artikel zeigt Ihnen, wie Sie F-Diagnosen sicher dokumentieren. Welche Codes wirklich relevant sind. Wo die typischen Stolperfallen lauern. Und wie Sie den Aufwand reduzieren können, ohne an Qualität zu verlieren.
Warum ICD-10 Codierung in der Psychotherapie wichtig ist
Die Internationale Klassifikation der Krankheiten dient nicht nur der Abrechnung. Sie schafft eine gemeinsame Sprache. Wenn Sie F32.1 G dokumentieren, weiß jeder Kollege: gesicherte mittelgradige depressive Episode. Kein Interpretationsspielraum.
Rechtlich sind Sie zur Codierung verpflichtet. Nach §295 SGB V müssen Diagnosen auf Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und Abrechnungsunterlagen nach ICD-10-GM verschlüsselt werden. Auch im PTV 2 Antrag sind endständige ICD-10 Codes mit Diagnosesicherheit Pflicht. Bei Prüfungen durch Krankenkassen oder bei Gutachten müssen Ihre Codes die Behandlung rechtfertigen. Ein fehlender oder falscher Code kann bedeuten, dass Sie Leistungen zurückzahlen müssen.
Wichtig: Für die sachgerechte Kodierung sind Sie als behandelnder Therapeut verantwortlich. Auch wenn eine Praxismitarbeiterin die Codes einträgt, liegt die Verantwortung bei Ihnen.
In Kliniken kommt die statistische Relevanz hinzu. ICD-10 Codes fließen in Qualitätsberichte ein. Sie beeinflussen Budgets und Personalplanung. Ungenaue Codierung verzerrt das Bild Ihrer Abteilung.
Zusatzkennzeichen: V, G, A, Z richtig verwenden
Hier machen viele Therapeuten den ersten Fehler: Sie vergessen das Zusatzkennzeichen für die Diagnosesicherheit. Jeder ICD-10 Code braucht eines dieser vier Buchstaben:
G wie gesichert: Die Diagnose kann nach gültigen medizinisch-wissenschaftlichen Grundsätzen gesichert werden. Sie haben die Kriterien geprüft, sie sind erfüllt. Beispiel: F32.1 G bei einem Patienten mit klarer depressiver Symptomatik seit acht Wochen, Interessenverlust, Schlafstörungen, Antriebsmangel.
V wie Verdacht: Die Diagnose kann weder gesichert noch ausgeschlossen werden. Sie brauchen mehr Zeit oder weitere Informationen. Beispiel: F60.31 V bei einer Patientin mit Hinweisen auf Borderline-Symptomatik, aber erst zwei Sitzungen Kontakt. Persönlichkeitsstörungen sollten nie vorschnell gesichert werden.
A wie ausgeschlossen: Eine primäre Verdachtsdiagnose wurde ausgeschlossen. Sie hatten einen Verdacht, haben ihn geprüft, er hat sich nicht bestätigt. Beispiel: F32.2 A, wenn sich die vermeintlich schwere Depression als Anpassungsstörung herausstellt.
Z wie Zustand nach: Die Diagnose besteht nicht mehr, der Patient ist symptomfrei. Aber der frühere Zustand hat eine aktuelle Leistung verursacht. Beispiel: F32.1 Z bei einem Patienten in der Erhaltungstherapie nach remittierter Depression. Achtung: Wenn der ICD-Code selbst schon "Zustand nach" oder "Folgezustände" enthält, verwenden Sie kein Z.
In der Praxis heißt das: F41.0 allein ist unvollständig. Korrekt ist F41.0 G für eine gesicherte Panikstörung oder F41.0 V für einen Verdacht. Das Zusatzkennzeichen ist Pflicht, nicht optional.
Endständig codieren: Die fünfte Stelle nutzen
Die ICD-10 kennt bis zu fünf Stellen. Je mehr Stellen Sie nutzen, desto präziser die Diagnose. Und Präzision ist gefordert.
Ein Beispiel: F43.2 ist "Anpassungsstörungen". Das ist zu unspezifisch. Besser: F43.20 für kurze depressive Reaktion, F43.21 für längere depressive Reaktion, F43.22 für Angst und depressive Reaktion gemischt. Die fünfte Stelle macht den Unterschied zwischen einer brauchbaren und einer präzisen Dokumentation.
Gleiches gilt für depressive Episoden. F32 reicht nicht. F32.1 (mittelgradig) ist besser. Bei F32.11 könnten Sie sogar das somatische Syndrom mit angeben, falls Ihr System das unterstützt.
Es gibt eine Ausnahme: In der hausärztlichen Versorgung, im organisierten Notfalldienst und für Diagnosen außerhalb Ihres Fachgebiets reicht die vierstellige Codierung. Als Psychotherapeut für F-Diagnosen sollten Sie aber immer endständig codieren.
Resteklassen wie "Sonstige näher bezeichnete" oder "Nicht näher bezeichnete" (n.n.bez.) sollten Sie nur im Ausnahmefall verwenden. Sie signalisieren Unsicherheit. Wenn möglich, wählen Sie einen spezifischeren Code.
Die wichtigsten F-Diagnosen im Überblick
Das Kapitel F umfasst psychische und Verhaltensstörungen. Für Psychotherapeuten sind vor allem die Kategorien F3 bis F6 relevant.
F3: Affektive Störungen umfassen depressive Episoden und bipolare Störungen. F32.0 bis F32.2 kodieren einzelne depressive Episoden nach Schweregrad: leicht, mittelgradig, schwer ohne psychotische Symptome. F33 steht für rezidivierende depressive Störungen. Wichtig: Jede neue Episode wird neu codiert, auch wenn der Patient bereits in Behandlung ist.
F4: Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen sind der größte Block in der Psychotherapie. F41.0 kennzeichnet die Panikstörung, F41.1 die generalisierte Angststörung. F40 umfasst Phobien: F40.1 soziale Phobien, F40.2 spezifische Phobien. F43.1 ist die posttraumatische Belastungsstörung, F43.2 die Anpassungsstörung mit den wichtigen Untergruppen .20 bis .28.
F5: Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen beinhalten Essstörungen wie F50.0 Anorexia nervosa oder F50.2 Bulimia nervosa. Auch nichtorganische Schlafstörungen fallen hierher: F51.0 für Insomnie, F51.1 für Hypersomnie.
F6: Persönlichkeitsstörungen sind komplex in der Codierung. F60.31 steht für emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ, F60.6 für ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung. Hier gilt besondere Vorsicht: Die Diagnose sollte erst nach gründlicher Exploration über mehrere Sitzungen gestellt werden. Dokumentieren Sie zunächst V, bis Sie sicher sind.
Primär-, Sekundär- und Differentialdiagnosen richtig zuordnen
Die meisten Patienten erfüllen Kriterien für mehrere Diagnosen. Die Kunst liegt darin, die richtige Hierarchie zu bilden.
Die Primärdiagnose ist die Störung, die aktuell im Vordergrund steht. Sie treibt die Behandlung. Bei einem Patienten mit Panikstörung und komorbider Depression ist die Primärdiagnose die Störung, die mehr Leidensdruck verursacht. Als Faustregel gilt: Was würde unbehandelt die größten Konsequenzen haben?
Sekundärdiagnosen sind relevante Komorbiditäten. Sie beeinflussen die Therapie, stehen aber nicht im Fokus. Ein Patient mit F33.1 G (rezidivierende mittelgradige Depression, gesichert) kann als Sekundärdiagnose F41.1 G haben. Beide Codes gehören in die Dokumentation.
Differentialdiagnosen sind Störungen, die Sie in Betracht gezogen, aber ausgeschlossen haben. Diese können Sie mit dem Zusatzkennzeichen A dokumentieren oder im Freitext notieren.
Pro Behandlungsfall ist mindestens eine Behandlungsdiagnose anzugeben, die Anzahl ist nicht begrenzt. Die Reihenfolge der Codes ist beliebig. Aber: "Es ist nicht ausschlaggebend, möglichst viele Schlüsselnummern anzugeben. Vielmehr sollte das kodierte Ergebnis möglichst genau den erbrachten Aufwand abbilden." So formuliert es das BfArM.
Die häufigsten Fehler bei der ICD-10 Codierung
Fehlendes Zusatzkennzeichen: F32.1 ohne G, V, A oder Z ist unvollständig. Das passiert oft aus Zeitdruck oder weil die Praxissoftware es nicht erzwingt. Gewöhnen Sie sich an, immer sofort das Kennzeichen anzuhängen.
Nicht endständige Codes: F32 statt F32.1, F43.2 statt F43.22. Die kurzen Codes sind Verlegenheitsdiagnosen. Sie signalisieren: Ich habe nicht genau hingeschaut. Nutzen Sie die vierte und fünfte Stelle.
Diagnosen ohne eigene Befundung: Sie übernehmen die Vorbefunde des Hausarztes. F41.1 steht im Überweisungsschein, also tragen Sie es ein. Aber haben Sie die Kriterien geprüft? Eine Diagnose ohne eigene Exploration ist angreifbar.
Fehlende Aktualisierung: Die Primärdiagnose vom Therapiebeginn steht zwei Jahre später noch unverändert mit G. Aber Ihr Patient hat sich entwickelt. Die schwere depressive Episode ist abgeklungen, vielleicht ist jetzt Z angemessen. Überprüfen Sie die Diagnosen und Zusatzkennzeichen regelmäßig.
Dauerdiagnosen unreflektiert übernehmen: Eine Übernahme von Diagnosen aus einem Quartal ins nächste darf nur erfolgen, wenn diese erneut als Behandlungsdiagnose gelten. Dabei müssen Sie die Zusatzkennzeichen aktualisieren. Eine Depression, die vor sechs Monaten gesichert war, ist vielleicht jetzt ein "Zustand nach".
Symptome als eigenständige Diagnosen: Schlafstörungen bei Depression sind ein Symptom, keine separate Diagnose. Nur wenn keine spezifischere Diagnose gestellt werden kann, codieren Sie Symptome separat.
Wie moderne Tools die ICD-10 Codierung vereinfachen
Die Codierung ist zeitaufwendig. Nach einer Sitzung müssen Sie das Gespräch rekapitulieren, Symptome den Kriterien zuordnen, Codes nachschlagen, Zusatzkennzeichen vergeben. Das kann weitere 15 Minuten dauern. Pro Tag summiert sich das schnell.
Hier setzen KI-gestützte Systeme an. Sie analysieren Therapiesitzungen und schlagen passende ICD-10 Codes vor. Das funktioniert so: Die Software transkribiert das Gespräch. Ein spezialisiertes KI-Modell erkennt Symptommuster. Es gleicht diese mit ICD-10 Kriterien ab und generiert Diagnosevorschläge mit Primär-, Sekundär- und Differentialdiagnosen.
Wichtig dabei: Die KI trifft keine endgültige Diagnose. Sie macht Vorschläge. Sie als Therapeut prüfen und entscheiden, auch über das richtige Zusatzkennzeichen. Die Software nimmt Ihnen die Recherche ab, nicht die klinische Verantwortung.
Psynex wurde speziell für diese Aufgabe entwickelt. Nach jeder Sitzung erhalten Sie einen strukturierten Diagnosevorschlag. Jede vorgeschlagene Diagnose ist mit Zitaten aus dem Transkript belegt. Sie sehen sofort, warum die KI F41.0 statt F41.1 vorschlägt und können entscheiden, ob G oder V angemessen ist.
Das System versteht die Nuancen der psychotherapeutischen Praxis. Es erkennt, dass bei Anpassungsstörungen der zeitliche Zusammenhang mit einem Belastungsfaktor essentiell ist. Oder dass Persönlichkeitsstörungen einen längeren Beobachtungszeitraum brauchen und zunächst mit V codiert werden sollten.
Von der Theorie zur Praxis
ICD-10 Codierung ist kein bürokratischer Selbstzweck. Sie ist Teil Ihrer klinischen Arbeit. Eine präzise Diagnose mit korrektem Zusatzkennzeichen verbessert Ihre Dokumentation. Sie schützt Sie rechtlich. Sie hilft Kollegen, Ihre Einschätzung nachzuvollziehen.
Die wichtigsten Punkte zusammengefasst: Codieren Sie endständig bis zur fünften Stelle. Vergessen Sie nie das Zusatzkennzeichen G, V, A oder Z. Aktualisieren Sie Ihre Diagnosen regelmäßig. Übernehmen Sie keine Fremddiagnosen ohne eigene Prüfung.
Gleichzeitig muss die Dokumentation machbar bleiben. Moderne Tools können Ihnen die Routinearbeit abnehmen und Vorschläge machen, die Sie in Sekunden prüfen können. Das gibt Ihnen mehr Zeit für das, was wirklich zählt: die Arbeit mit Ihren Patienten.
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